Der ganz normale Wahnsinn in der Altenpflege oder Versagen meinerseits?

  • Hallo ihr,


    ich danke euch für euer Feedback.


    Also es ist so, dass ich nicht für die Pflege zuständig bin, sondern rein für die Betreuung (manche nennen es auch Bespaßung) der Bewohner. Wobei ich finde, dass Betreuungskräfte viel mehr leisten als nur Bespaßung. Wir führen auch Gespräche in Krisensituationen (sowohl mit Bewohnern als auch mit Angehörigen), machen Trauer- und Sterbebegleitung.

    Für mich ist es ein emotional anspruchsvoller, aber auch ein sehr erfüllender Job.


    Trotzdem gibt es eben wie in den beschriebenen Situationen Momente, wo ich an meine Grenzen komme.

    Es wäre Aufgabe der Pflegekräfte gewesen, die Bewohnerin adäquat anzukleiden und darauf zu achten, dass zur vereinbarten Uhrzeit beide Fußstützen am Rollstuhl gewesen wären. Ich habe ja noch darauf hingewiesen, aber es wurde sich halt schulterzuckend abgewandt.

    Trotzdem hat es mich geärgert, dass ich es nicht geschafft habe, mich bei der betreffenden Bewohnerin durchzusetzen. Das hat erst meine Vorgesetzte gemeistert, wobei sie vorher noch die Pflegekraft und Auszubildende rund gemacht hat.


    Im Grunde ist es auch Aufgabe der Betreuungskräfte, darauf zu achten, dass alle Bewohner bei Veranstaltungen im Blick behalten werden. Die Bewohnerin, die klatschnass im Aufzug stand, war ja von der Kirche zurück in die Einrichtung begleitet worden, aber nach dem Essen im Restaurant hat sie sich leider selbständig gemacht. Ich hätte sie vielleicht beim Essen an einem Platz in meiner Nähe setzen sollen, damit sie erst gar nicht hätte "verloren gehen" können.

    Ich hatte ein richtig schlechtes Gewissen, als mir eine Bewohnerin am übernächsten Tag sagte, dass die alte Dame starken Husten habe. Zum Glück ist keine starke Erkältung daraus geworden...


    Wie überall herrscht auch bei uns Personalmangel, und das nicht nur in der Pflege.

    Wir waren bis vor einem Jahr noch 11 Betreuungskräfte, seit über einem halben Jahr sind wir nur noch 7 in Teilzeit. Trotzdem sind wir ja nach wie vor für insgesamt 120 Bewohner zuständig. Wir geben unser Bestes, allen gerecht zu werden. Doch ich finde es schwer, auf größeren Veranstaltungen alle im Blick zu haben.


    Danke an die beiden von euch, die geschrieben haben, dass ich fachlich und menschlich sicherlich gut bin und viel Empathie mitbringe.

    Ich empfinde das auch so, wobei ich wirklich sagen muss, dass sich das bei mir erst in diesem Job so entwickelt hat. Früher war ich nicht besonders empathisch und hilfsbereit, aber bei der Arbeit mit den älteren Menschen setzte das bei mir automatisch ein.

    Ein Bewohner hat mir mal unterstellt, dass ich mir dadurch nur Zuneigung und Dank erhoffe. Dabei ist das überhaupt nicht mein Bestreben. Auch wenn es mich natürlich freut, wenn mir jemand sagt: "Ihre Besuche sind für mich ein Lichtblick".

    In solchen Momenten weiß ich, dass ich das Richtige tue.


    Leider ist es aber eine Tatsache, dass meine Vorgesetzte mich nicht schätzt, weil sie mich eben als wehrlos, manchmal vielleicht auch hilflos erlebt.

    Ich muss zugeben, dass ich es in fünf Jahren leider nicht geschafft habe, mich bei Kollegen mehr abzugrenzen und mir ein dickeres Fell zuzulegen. Ich bin konfliktscheu, das ist der richtige Ausdruck. Früher habe ich mich immer als gutmütig angesehen.

    Ich weiß auch nicht, ob ich daran noch etwas ändern kann. Mein Problem ist, dass ich große Angst vor Mobbing habe, denn das habe ich in zwei früheren Jobs erlebt und war beide Male erleichtert, als mir gekündigt wurde.


    Ein Lösungsansatz wäre womöglich doch, mal das Gespräch mit meiner Vorgesetzten zu suchen, auch wenn sie nicht viel von mir hält?

  • Was genau möchtest du denn in dem Gespräch besprechen?


    Ich würde dir davon abraten, nochmal die beschriebene Situation vom ersten Beitrag zu erläutern. Die Sache ist passiert und lässt sich nicht mehr ändern. Das würde nur in Rechtfertigungen deinerseits und Vorwürfen ihrerseits enden.


    Ich würde eher dafür sorgen, dass du fachlich top bist (Stichwort Fortbildungen) und emotional stabil bist.

  • Ich denke auch du solltest dringend deine Energie dazu verwenden an dir selbst zu arbeiten und nicht um andere davon zu überzeugen dass du eh nichts, verkehrt gemacht hast.


    Tatsache ist - es gibt Pflegepersonal, dieses trägt die Verantwortung für diese Dinge und pasta.


    Es wird immer Leute geben die gerne anderen (vor allem scheinbar schwachen Leuten) den schwarzen Peter zuschieben.

    Daran kannst du mit 100 Gesprächen nichts ändern.


    Du kannst dich aber entscheiden, das nicht so ernst zu nehmen, es dir nicht so zu Herzen zu nehmen.


    Ich finde außerdem- je mehr du versuchst jetzt hinterher noch zu erklären und dich zu rechtfertigen, desto schwächer und unsicherer wirkst du.


    Sollte nocheinmal jemand was sagen, antwortest du :" Dafür ist das Pflegepersonal verantwortlich, nicht ich!".

  • Ich denke du solltest dir keine Vorwürfe machen , wenn eine Bewohnerin raus läuft ,haben mehrere Personen nicht aufgepasst. Die Kritik der Chefin richtet sich an alle ..das sowas eigentlich nicht passieren sollte. Aber so ist das Leben.


    Wenn du dein bestes gibst dann ist es auch gut so .

    Und das die andere Frau nicht gehört hat auf dich kommt eben vor. Du hast es versucht und auch Bescheid gesagt.damit hast du dein bestes getan.

  • du musst damit aufhören, dass deine Gedanken ständig um die Arbeit drehen. Das raubt dir auch ein Stück Lebensqualität.


    Dass Fehler passieren gehören zum Joballtag dazu, niemand arbeitet perfekt. Entscheidend ist der Umgang damit.


    Oft spielt auch die Fehlerkultur im Unternehmen eine Rolle

    Möge die Macht mit dir sein :four_leaf_clover:

  • Abgrenzen. Abgrenzen. Abgrenzen.


    Und ggf. klären, WAS konkret VON DIR erwartet wird. Gespräch suchen, statt Forum zu befragen. Von uns war keiner dabei; niemand kann die Laune/Blick/... der Vorgesetzten interpretieren.



    Witzigerweise musste ich am Wochenende im Heim an den Faden hier denken, da meine Eltern beide anfangen, abhauen zu wollen. Habe dann direkt mal gefragt, wie es läuft. Tja, die bekommen dann versteckt einen Sender (Schuh,...) und der löst einen stillen Alarm aus, wenn jemand mit Chip (= der nicht alleine das Heim verlassen darf), das Haus verlässt. Das Gebäude/Gelände ist übersichtlich, d.h. es wäre sehr schnell jemand von den Mitarbeitern am Gebäudeausgang und würde die Straße runterschauen. Und Senioren sind i.d.R. ja nicht megaflott.

    Live the life you love. Love the life you live.

  • Ich muss zugeben, dass ich es in fünf Jahren leider nicht geschafft habe, mich bei Kollegen mehr abzugrenzen und mir ein dickeres Fell zuzulegen. Ich bin konfliktscheu, das ist der richtige Ausdruck.

    Hast du mal an ein Coaching gedacht? Es gibt auch Kurse an der Volkshochschule für dieses und jenes. Die sind vielleicht nicht mit einer therapeutischen Maßnahme vergleichbar, aber könnten ein niedrigschwelliger Einstieg sein, um an dir zu arbeiten. Im Prinzip hast du es in der Hand, deine Kollegen werden es nicht für dich tun. Die Empathie deiner Forgesetzten wird auch nichts bewegen, weil nicht vorhanden. Mitarbeiter vor Bewohnern rund machen ist nun gar kein guter Führungsstil.

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